Nicht ein müder Meter

Der Ausgangspunkt zu diesem Lied liegt in einer Fahrt in meine alte Heimatstadt im Jahr 1999. Mein Sohn stand kurz vor der Einschulung und ich wollte ihm zeigen, wo ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin.

Gewiss gerät man bei einem Text wie diesem in den Dunstkreis derer, die alles, was gestern war, besser finden. So ist er aber nicht gemeint. Es gibt in der Erinnerung wohl eines jeden, der seine Heimatstadt verlassen hat, Ereignisse, die er an ganz bestimmte Viertel oder gar Gebäude knüpft. Besucht er/sie sie nach Jahrzehnten wieder, ist meist alles anders, vieles gar nicht mehr vorhanden. Und manches von dem, was nicht mehr da ist, ist nicht dem Besseren oder Schöneren, sondern dem Profitableren gewichen.

Liedtext

Man hat dir einen Zahn gezogen, dort klafft jetzt ein großes Loch.
Man hat dich glatt gebogen, wo ich noch durch Trümmer kroch.
Wo sind all die Abenteuer, die ich hier bestanden hab‘?
Hier wird alles immer neuer, wird zu einem Marmorgrab.

Wo sieht man noch die Gemäuer aus der alten Gründerzeit?
Was da jetzt steht ist nur teuer – Architekteneitelkeit.
Selbst die Kneipe ist saniert, mit deren Tochter ich mal ging.
Alles das ist konstruiert, ein Viertel seelenlos wie’n Ding.

Refrain:
Die Stadt hat Karies und Zahnfleischbluten.
Es gibt hier nur noch Stress – keinem zuzumuten.
Oh, Schmerz lass‘ nach, hier bohrt man dicke Bretter
und der Erinnerung bleibt nicht ein müder Meter.

Der Spielzeugladen musste weichen – Paradies fürs Kinderherz.
Nur die Dummen und die Reichen lachten über diesen Scherz.
Irgendwo war ein Theater, in dem der Kasper Knüppel schwang,
ein allmächtiger Berater machte ihm die Nase lang.

Meine Schlittenbahn im Norden, die mich mal abgeworfen hat,
ist längst unbrauchbar geworden, wie die ganze morsche Stadt.
Und am Feldweg ‚raus zum Freibad, der meine Fahrradrennbahn war,
steh’n in Reih‘ und Glied ganz akkurat die Geschwüre. Unheilbar.

Refrain

Hier lauerte der dicke Thomas mit seinem ganzen Frust,
da wohnte die Ulrike, die hat so gern geschmust,
nicht weit entfernt Hans-Jürgen, mit dem mich mancherlei verband –
für die Streiche, die wir spielten, waren wir weithin bekannt.

Kreisverkehr und Einbahnstraßen, die es früher hier nicht gab,
wollen mich nicht dorthin lassen, wo ich mein junges Herz vergab.
Wenn ich mich hier umseh‘, spür‘ ich, es geht hier nur noch um Gewinn.
Nur der Ort ist unverändert, wo ich vom Dach gefallen bin.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1999/2005 ℗2017