Agnus

Politisch Lied, ein garstig Lied? Mein Beitrag zur Lage im Frühjahr 2016. Eine kurze Einführung erscheint angebracht. Doch vorab sei auf diesen Artikel in der »neuen musikzeitung« verwiesen: Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, hat ihn geschrieben. Keiner kann mehr sagen, er habe »davon« nichts wissen können! Keiner!

Die Staatsschelte in den Strophen 3, 6 und 9 möchte ich nicht verwechselt wissen mit der von neo-nazistischer Seite vorgebrachten Kritik am Staat. Es ist halt schon ein Unterschied, ob man aus einer verqueren völkischen oder aus einer humanistisch motivierten Perspektive argumentiert. Meine Kritik entsteht aus der historischen Erkenntnis, dass das bürgerlich-konservative Lager gerne als staatsfeindlich einstuft, was es links von sich verortet. Nach rechts dagegen praktiziert man ein Art Totstell-Reflex – und zwar genau so lange, bis totstellen nicht mehr hilft. An diesem Punkt zerbrach die Weimarer Republik.

Ein Staat, der neofaschistischem Gedankengut ernsthaft entgegen treten will, muss konsequent für umfassende Kultur und Bildung sorgen. Damit meine ich ausdrücklich mehr als den derzeit feststellbaren Vorrang der Naturwissenschaften; Naturwissen-schaften sind nur ein Teil von Bildung und Kultur. Und zweitens muss ein Staat selbst integer sein. Letzteres bedeutet: Es ist in meinen Augen ein Unding, nach innen faschistoide Entwicklungen zu geißeln, während man nach außen mit Kräften kungelt, die z.B. einen Völkermord im eigenen Land begehen oder Meinungs- und Pressefreiheit einschränken. Und schließlich ist jeder Einzelne von uns aufgerufen, seine Ansprüche und sein Konsumverhalten zu überprüfen. Denn für alles, was für uns billig ist, bezahlen andere einen oft bitteren Preis. Und wenn sie den nicht mehr aushalten, stehen sie dann vor Europas neuen Zäunen. Daher die Strophe 5.

Liedtext

(Chor: Agnus)

Wir hatten Goethe, hatten Schiller. Jetzt hab’n wir wieder braune Brüller.
Wir hatten Lessing, hatten Heine. Jetzt treten wieder oberfeine
alte Bekannte auf den Plan und zünden wieder Häuser an.

Früher haben Bücher erst gebrannt, bevor man dann fürs Vaterland
auch Menschen in die Öfen schob. Doch denk‘ ich mal, dass dieser Mob
wahrscheinlich keine Bücher kennt, deswegen gleich die Häuser niederbrennt.

Du, Vater Staat, zeigst dich entsetzt, wie man jetzt gegen Fremde hetzt.
Du bist noch immer auf dem rechten Auge blind.
Das hat bei uns ja Tradition: Der Mahner wird zur Zielperson
und muss dann zuseh’n, dass er Land gewinnt.

(Chor: Agnus)

Die offnen Grenzen sind euch recht, solang sie gut sind fürs Geschäft.
Jetzt wollt ihr sie gern wieder schließen, ihr wollt sogar auf Opfer schießen,
die auch deswegen Opfer sind, weil ihr mit Waffen gut verdient.

Schickt eure Kinder in die Minen, um Hungerlöhne zu verdienen,
damit die Handys billig sind. In ihren Augen brennt der Wind.
Der Vater packt das Bündel ein – und soll ein Wirtschaftsflüchtling sein.

Du, Vater Staat, zeigst dich empört nur, wenn es zum Konzept gehört,
übst dich ansonsten in der Kunst, nicht hinzuschau’n.
Des Menschen Recht ist obsolet, wenn’s um den eignen Vorteil geht –
es gibt so viele Gründe, dir nicht mehr zu trau’n.

(Chor: Agnus)

Wir hatten Büchner, hatten Brecht und spiel’n trotzdem noch Herr und Knecht.
Dabei hab’n die uns doch erzählt, was uns in diesem Lande fehlt.
Wir hab’n zwar immerfort die Wahl und doch ist dieses Land feudal. 1)

(Chor: Agnus)

Der Haifisch hat die Zähne noch und auch der Schoß, aus dem das kroch,2)
gebiert noch weiter seine Brut – und weiter. Bis zur nächsten Flut.
»Das Boot ist voll«, schreit ein Plakat.3) »Volk ohne Raum« heißt das Zitat.4)

Du, Vater Staat, du siehst Kultur als unbequeme Randfigur,
weil sie dich immer wieder beim Regieren stört.
Wie widerlich allerdings klingt, wer nur die falschen Töne singt,
das hab’n wir doch vor gar nicht langer Zeit gehört.

(Chor: Agnus)

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗2016


Fußnoten

1) Es ist mir bei der Verwendung dieses Begriffes durchaus bewusst, dass man unsere heutigen Zustände nicht eins zu eins mit denen des mittelalterlichen Feudalismus gleichsetzen kann. Dennoch sind Strukturen erkennbar, die diesen Vergleich begründbar nahelegen.

2) Zitate aus der »Dreigroschenoper« und »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui«, beide von Bert Brecht.

3) Wahlplakat der NPD im Landtagswahlkampf 2016 Baden-Württemberg.

4) Siehe dazu: Wikipedia-Artikel »Volk ohne Raum«