Barfuß durchs Leben

17 Jahre hat die Idee mit Namen »Barfuß durchs Leben« mich begleitet und immer wieder gequält, ehe sie zum fertigen Text wurde. Die Herausforderung bei diesem Thema bestand darin, nicht zu sehr auszuufern, denn ich hätte glatt doppelt so viele Strophen schreiben können. Die Frage nach dem Woher und Wohin ist natürlich der menschliche Dauerbrenner schlechthin. Immerhin führt die Menschheit sogar Kriege um den »rechten Glauben«.

Liedtext

Mit nackten Füßen kommst Du auf die Welt,
fast blind und taub vor lauter Licht und Lärmen.
Und alles, was in dieser Lage zählt,
ist: Jemand muss dich wärmen.
Schon bald merkst Du, es reicht nicht, warm zu sein.
Das ist die zweite nüchterne Erfahrung.
Du fängst dann einfach einmal an zu schrei’n,
soll heißen: Hört mal her, ich brauche Nahrung!

Und so zweifelst Du schon früh,
ob sie gut ist, diese Müh’,
diese Welt auf eig’nen Füßen zu erkunden.
Doch letztlich ist das schietegal,
denn Du hast ja keine Wahl,
Du wardst gezeugt und einfach ungefragt entbunden.

Man geht immer, immer barfuß durch das Leben,
über Sand, Getreidestoppeln oder Moos,
über Leichen, heiße Kohlen, im Bestreben,
jeder Schritt sei elegant und virtuos.
Man geht immer, immer barfuß durch das Leben,
ein kleiner Kiesel raubt dir schon das Gleichgewicht.
Drum wünscht man sich die Wege aufgeräumt und eben
und die Kehrwoche wird zur heil’gen Bürgerpflicht.

Mit nacktem Fuß machst du den ersten Schritt.
Der will dann meistens nicht so recht gelingen.
Du liegst dann auf der Nase und denkst: »Shit,
was soll die ganze Lauferei denn bringen?«
Doch lässt dich dieses Thema nicht mehr los.
Zum ersten Mal merkst du, man muss es wollen.
Denn schließlich wärst auch du mal gerne groß
und möchtest gern auch andre überrollen.

So hast du schon früh erkannt
laufen ist ganz schön brisant,
denn plötzlich kriegt für dich das Leben eine Richtung.
Und während man sich exponiert
geschieht es, dass man kollidiert.
Und so bedarf es dann und wann mal einer Schlichtung.

Man geht immer, immer barfuß …

Ab hier geht keiner mehr mit nacktem Fuß.
Du lernst nun deinen eignen Strichcode lesen,
den sie dir gemäß Bundestagsbeschluss
als Kainsmal auf die junge Stirne pressen.
Du lernst nun, wie man rechnet, denkt und liest
lernst fehlerfrei das Einmaleins zu sagen.
Du wirst ein so genannter Realist
und stellst ab jetzt nur noch die falschen Fragen.

Oder du gehst deinen Weg,
übernimmst die Hypothek
ziehst die Schuhe aus und holst dir schlechte Noten.
Ist dann der Ruf erst ruiniert,
lebt sich’s bekanntlich ungeniert
und ohne Angst vor ruinösen Eingangsquoten.

Man geht immer, immer barfuß …

Mit nackten Füßen pflügen deine Kinder
sich durch den Rasen hinter deinem Haus.
Dein Leben wird ab jetzt zu einem Sprinter
und eh du dich noch umschaust, ist es aus.
Mit nacktem Fuß gehst Du dann aus der Welt,
fast blind und taub vor lauter Licht und Lärmen.
Und alles, was in dieser Lage zählt,
ist: Jemand muss dich wärmen.

Es ist besser, du verstehst,
dass nur du dich um dich drehst,
denn die Welt hat ihre eigene Zentrale.
Du bist nur ein kleines Rad,
nur die Schnecke im Salat,
vom großen Ganzen bist du nur eine Filiale.

Man geht immer, immer barfuß durch das Leben,
über Sand, Getreidestoppeln oder Moos,
über Leichen, heiße Kohlen, im Bestreben,
jeder Schritt sei elegant und virtuos.
Man geht immer, immer barfuß aus dem Leben,
mit großem Bahnhof oder eben namenlos.
Falls es kein andrer tut, muss man sich selbst vergeben,
sonst ist man auch noch seine letzte Ruhe los.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1996/2013