Das alte Haus

Eigentlich hätte das ein Text über meine demente Mutter werden sollen. Und dann stand ich nach dem Tod meines Vaters in dem leeren, verwaisten Haus. Es war Winter, die Heizung war ausgefallen. Es war beinkalt. Und es wurde eine Ballade nicht über, sondern für meinen Vater.

Liedtext

Das Solarlicht erstirbt langsam, seine Zellen sind schon grau,
hinterm Haus summt ostinat der Wühlmausschreck.
An der Ecke bröckelt Putz, doch das ist kein Pfusch am Bau,
auch der Efeu wächst schon längst über alle Fenster weg.
Das Gewächshaus steht in Fetzen, die der Sturm gerissen hat,
und im Hochbeet, da schießt irgendwas ins Kraut.
Schon zur Hälfte überwuchert ist der schmale Trampelpfad
zu dem kleinen Gartenteich, wo sich lang schon nichts mehr staut.

In der Küche steht die Wanduhr zwischen irgendwann und vier,
denn die Zeit blieb hier vor Jahren einfach steh’n.
Niemand da, der sie noch brauchte. Es ist kalt hier und ich frier‘
und ich sehe deine Träume Stück für Stückchen untergeh’n.
Nebenan steht noch das Bett, in dem ich dich zum letzten Mal
lächeln sah. Ich weiß genau, es war für mich.
Zwischen Müll und Ausgedientem ist es nur noch Holz und Stahl,
ohne einen Menschen drin ist es nicht mehr wesentlich.

Mancher Fund in deinen Schränken, in deutscher Schrift und Sütterlin,
hätte mich schon sehr viel früher interessiert,
denn ein wenig von all jenem, was ich war und was ich bin,
steckt in jeder dieser Mappen und ist längst vor mir passiert.
Und so lächeln mich zerknittert, unbekannt, Gesichter an,
namenlose Menschen, die es einmal gab.
Diese Wände steh’n am Ende nicht nur deiner Lebensbahn –
Du nahmst alle Bilder mit, die ich hier gefunden hab‘.

Ohne Absicht hast du selber manche Spur von dir verwischt
und mir bleibt bei vielem nur Erinnerung –
beispielsweise an die Streitgespräche, brausend hoch wie Gischt,
um dein ganz spezielles Thema: die Sozialversicherung.
Lieber wär’s mir oft gewesen, einfach nur bei dir zu sein,
einfach sagen können: Ich habe dich gern.
Doch dein Leben waren Ziele, nicht das schlichte Glücklichsein.
So lebst du heut‘ in mir fort: preussisch herb mit weichem Kern.

Und so sitz‘ ich zwischen Säcken, zwischen Bergen von Papier,
währ’nd der Heizungsmann den Brenner repariert.
Grad‘ wie in der Wartehalle, nachts beim allerletzten Bier,
wenn man nicht recht weiß, ob man nur müd‘ ist oder nichts kapiert.
Du hast selbst im hohen Alter dich niemals betagt gefühlt
und du suchtest bis zum Schluss die Hintertür,
hast nie ernsthaft mit Gedanken an den Sensenmann gespielt,
doch: Komm’n und Geh’n ist das Geschäft. Das Dazwischen ist nur Kür.
Das Dazwischen ist nur Kür.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©2004/℗2007/2016