Mach‘ ein Leben draus

In die Strophen dieses Textes sind viele autobiografische Bilder und Fragmente eingeflossen, die in meinen Notizen bisher ein bindungsloses Dasein führten. Alleinstehende Männer findet man nicht selten in Kneipen. Und dieses Bild gibt den Hintergrund ab. Und so spielt der Text in einer Kneipe, in der – wie so oft – ein Fernseher nebenbei läuft.

Die Aufforderung im Refrain, die schließlich auch den Titel abgab, war inspiriert durch eine Passage in Roger Willemsens »Deutschlandreise«, wo es heißt: »(…) und so machten beide ein Leben daraus.« Ob er Wert darauf gelegt hätte, weiß ich nicht. Ihm aber, dem zu früh Verstorbenen, möchte ich dieses Lied widmen.

Liedtext

Gedämpftes Licht, verbrauchte Luft, frisches Bier auf nackten Tischen.
Münzenklappern, Kneipenduft, irg’ndwo hör‘ ich Kartenmischen.
Und die Tagesschau erzählt über Tote – wie so oft -,
was der Schmitt von Schmittchen hält und was wer von wem erhofft.

Irgendjemand spricht mich an, hält den Kopf in seinen Händen.
„Wand’rer, wo warst du so lang?“, fragt nach Geschichten und Legenden,
nach alter Wut aus alten Tagen, ob sie noch immer in mir kocht.
Ich kann ihn trösten, kann ihm sagen, dass er noch immer brennt, der Docht.

Da mach‘ ein Leben draus, mach‘ ein Leben draus!

Gläserklirren, Ängstlichkeit und Blicke, die wie eingefroren,
nach langer Einsamkeit zu zweit, sich in ein Dekolletée verloren.
Doch selbst der Muschelrest am Strand ist für so manchen winz’gen Floh
ein sich’rer Schutz vor Sonnenbrand und so manch‘ and’rem Risiko.

Ich wär‘ jetzt lieber hier zu zweit, würd‘ einen weichen Körper spür’n,
als zwischen Bier und Ewigkeit Quantenphysik zu diskutier’n.
Auch wenn die Freunde grad‘ versiegen, bau‘ ich auf Wolken je ein Schloss.
Ich lasse mich nicht unterkriegen, der nächste Sommer öffnet seinen Schoß.

Drum mach‘ ein Leben draus, mach‘ ein Leben draus.

Halblautes Raunen hier im Raum lässt einen and’re Gäste ahnen,
die ihrem angefang’nen Traum hier eine breite Straße bahnen.
Besinnlichkeit zerfällt zu Asche, weil, wie aus einer andern Welt,
in irgendeiner Manteltasche ein Handy dich zur Rede stellt.

Gottlos, wie ich nun mal bin – aus dem Himmel ausgetreten –
seh‘ ich die hübsche Kellnerin und fang‘ doch plötzlich an zu beten:
Meine Hände soll’n nicht schänden, was auch immer sie berühr’n.
Was beginnt, soll’n sie vollenden, zu einem guten Ende führ’n.

So wird ein Leben draus, wird ein Leben draus.

Gedämpftes Licht, verbrauchte Luft, frisches Bier auf nackten Tischen.
Münzenklappern, Kneipenduft, irg’ndwo hör‘ ich Kartenmischen.
An jedem Tisch hier sitzt ein Gott, ein unerkannter Philosoph,
mit einem ganzen Sack voll Schrott von seinem eig’nen Hinterhof.

Früh’r stand mein Urteil felsenfest. Ich sang’s mit Marx- und Engelszungen
Heut‘ freu‘ ich mich weit eh’r der Pest, die ich am eig’nen Leib bezwungen.
Wenn es denn stimmt, dass man im Älterwerden weise wird und klug,
so sei’n die Jahre meine Kelter und ich dereinst der Wein im Krug.

So wird ein Lied daraus, so wird ein Leben draus.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗2007
Cover-Motiv: Sylvia Catarina Nickus