Quartier artisans

Vieles deutet darauf hin, dass das Haus, in dem ich lebe – von meiner Frau »Jagsthausener Künstlerhaus« genannt – im ehemaligen, zum römischen Kastell gehörigen Handwerkerviertel liegt. Da man in alter Zeit keinen Unterschied zwischen Kunst und Handwerk machte – Kunst war Handwerk war Kunst -, haben sich Handwerkerviertel in späteren Epochen nicht selten in Künstlerviertel gewandelt. Doch gleich, ob Handwerker- oder Künstlerviertel, gemeinsam ist beiden ein unverwechselbares Flair mit oder gerade durch sehr eigene Typen, die sie bewohnen. (Das schließt ausdrücklich auch die „Typinnen“ mit ein.) Dieses Lied ist also gewissermaßen durch den Blick aus meinem Fenster entstanden.

Liedtext

Im Quartier artisans trinkt der Künstler zur Nacht seinen Whisky
und die Nachbarin träumt vor dem Fernseher den Traum von der Pflicht.
Irgendwo raucht im Dunkeln des öfteren kräftig ein Schornstein,
wer da was in den Ofen steckt, das weiß man nicht.

Weiter unten am Fluss gab es kürzlich noch eine Plantage.
Wer der Polizei da wohl den Tipp gab, weiß nicht mal der Typ
mit dem glasigen Blick, der erzählt, er hat immer sein Messer,
weil er weiß, wer nicht hierher gehört. Er kennt den Betrieb.

Im Quartier artisans sind die Leute so alt, wie das Fachwerk,
das man schamhaft mit Putz und allerlei Schindeln verdeckt.
Die windschiefen Giebel erzählen sich schräge Geschichten,
doch das Viertel erscheint in keinem Prospekt.

Im Quartier artisans geht man trotzig dem Ende entgegen.
Wer von hier kommt und auszog, kehrt irgendwann hierher zurück.
Der eine beschließt hier erfüllt vom Erfolg seine Tage,
und ein andrer begräbt Illusionen und spielt mit dem Strick.

Das Quartier artisans liegt im Schatten ehrwürd’ger Gemäuer
und ein Ritter regierte hier mal mit eiserner Hand.
Die steht heut‘ im Museum – der Eintritt ist nicht sehr teuer.
Sie dient als Beweis für den höheren Stand.

Im Quartier artisans sind die Leute so alt, wie die Häuser
und man war hier mal Schuster und Hufschmied, vielleicht Kommunist.
Die alten Gewölbe wispern im Dunkeln Lateinisch
und man lebt hier so klein, so klein, wie man ist.

Im Quartier artisans trinkt der Künstler zur Nacht seinen Whisky
und er sucht nach den passenden Worten für dieses Gedicht.
Wie die Fledermaus huschen die Bilder an ihm vorüber.
Und er schreibt dieses Lied. Wer es hören will, das weiß er nicht.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗2018
Digitales Release-Datum: 22.08.2018