Ragusa

In der zweiten Hälfte des Jahres 1991 flimmerten die Bilder von der Belagerung Dubrovniks in unsere Wohnzimmer. 1986 hatte ich während einer Rundreise im alten Jugoslawien mit Dubrovnik eine Stadt kennen gelernt, in deren Mauern sich ein großer Teil europäischer Kulturgeschichte konzentriert. Deswegen und auch wegen der räumlichen Nähe konnte ich zum ersten Mal begreifen was das heißt: Krieg.

Eine Besonderheit dieser Stadt ist allerdings auch, dass ihre Bewohner es über Jahrhunderte hinweg verstanden haben, nahezu unabhängig zu bleiben. So schließlich auch 1991. Da der Text sich an dem orientiert, was Dubrovnik in seiner Blütezeit einmal darstellte, verwendet er den alten Namen der Stadt als Titel: Ragusa.


Eine europäische Erinnerung

Die Donau war der Auslöser. Sie fließt auch durch das ehemalige Jugoslawien, durch Belgrad. Ich bin ihrem Lauf ein ganzes Stück gefolgt. Und dann war Krieg.
Eine animierte Betrachtung auf SWAY.

SWAY


Liedtext

Ich hab‘ das Dia noch im Kasten, wie du auf dem alten Turm
in die Sonne lachst. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm.
Die große Mauer mit dem Fenster, mit Babywäsche bunt verziert –
Dieses Foto, weißt du noch, das war höllisch kompliziert.
Oben auf der dicken Festung, die die Stadt so gut bewacht,
wo die Möwen sich ausruhen, tobt jetzt wieder eine Schlacht.
Die Straße, die vor vielen Sommern mal ein großer Graben war,
später Markt für Brautschau wurde, die liegt jetzt zerschossen da.

Ragusa, du Schöne, du Perle am Meer,
dein Charme hat noch jeden besiegt.
Schon manch‘ einer wollte dich gern zum Dessert,
doch keiner hat dich je gekriegt.

Rechts der Hafen mit den Kuttern. Die Schule mit dem Blick aufs Meer,
wo ich dir noch scherzhaft sagte: da fällt Mathe lernen schwer,
und die Sammlung alter Schriften, erste Noten dieser Welt,
das alles liegt jetzt ausgehungert, eingeäschert und entstellt.
Hier gab’s an der Gnadenpforte für die Armen täglich‘ Brot,
es gab Schulen, Waisenhäuser, gegen Folter ein Verbot.
Es gab Wahlen. Bürgermeister waren nur auf Zeit ernannt.
Sklavenhandel war verboten. Alles das ist jetzt verbrannt.

Ragusa, du Schöne …

Schwerer, heißer Duft nach Pinien, nach Lavendel, Thymian
legt sich auf uns. Die Zikaden schmettern laut ihren Sopran.
Wie im Märchen glitzern draußen auf dem blauen Mittelmeer
feuchte Rücken von Delfinen zu uns hier ans Ufer her.
Vor der alten Apotheke mit dem alten Inventar
und vorm Roland dort am Rathaus, der mal Freiheitsdenkmal war,
steh’n jetzt bergeweise Säcke. Niemand weiß, ob das was nützt.
Ist vor diesem blanken Wahnsinn überhaupt etwas geschützt?

Ragusa, du Schöne …

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗1992