Sightseeing

Dieser Text ist von der Grundanlage her gut 35 Jahre alt. Da sich in dieser Zeit jedoch nichts Grundsätzliches verändert hat, kann man ihn auch heute noch bedenkenlos singen. 🙁

Die ursprüngliche Intention speiste sich aus der Lektüre von Albert Camus‘ »Die Pest« und sollte einfach die Schwierigkeit des Menschen beschreiben, abseits einer übergeordneten Sinngewissheit dem eigenen Leben einen Sinn abzutrotzen.

Natürlich spielt das auch in der vorliegenden Fassung vom März 2014 noch eine Rolle. Es sind allerdings konkrete politische Entwicklungen in die Überarbeitung mit eingeflossen, die die Frage nach dem Sinn nur noch stärker spürbar machen: NSA-Skandal, TTIP und Lobbyismus, der Skandal um den Limburger Bischoff Tebartz-van-Elst, Kungeleien in Wirtschaft und Politik auf allen Ebenen, alles Entwicklungen, die dem Volk schleichend wieder seine hart erkämpften Mitbestimmungsmöglichkeiten auf eine Weise entreißen, gegen die es neuer Widerstandsformen bedarf.

Und so gewinnen die ehedem aus Bruch- und Fundstücken zusammengesetzten Strophen plötzlich einen neuen inneren Zusammenhalt.

Doch nicht nur textlich hat dieses Lied eine lebendige Vergangenheit. In der nun veröffentlichten Fassung liegt nach dem Ursprung in den 1980er-Jahren und der Neufassung für Solo-Gitarre im Jahre 2004 die inzwischen dritte Vertonung vor (2017). In der 2004er-Version war es auch auf meiner 2005 erschienenen CD „Reiselieder“ zu hören.

Liedtext

Irgendwo spricht wer Gebete, ziemlich einsam und allein.
Flache Landschaft, oben Drähte, ringsumher Beton und Stein.
Altehrwürd’ge Fahnenmasten neigen ihre Köpfe zart.
Tante Emma lernt zu fasten. Ein Signal zeigt freie Fahrt.

Zäune zeigen, dass die Erde hier wohl irgendwem gehört.
Eine führerlose Herde irrt herum und wirkt verstört.
Und ein Grashalm stößt durch Ritzen, weil er einen Umsturz plant.
Eine Ratte zählt die Zitzen, weil sie freudig ein Ereignis ahnt.

Ratlos stehen ein paar Mauern, wissen nicht mehr recht, wozu.
Ein paar Litfaßsäulen lauern, Orwell gibt ein Interview.
Und ein Video zeigt farbig wie das wohl in Eden war.
Und der Sandsteinherzog, narbig, sieht von oben ziemlich klar.

Tauben weißen die Fassade, bis es weißer nicht mehr geht.
Welch ein Zufall, dass nun grade hier noch eine Hure steht.
Irgendwer hat sie vergessen, weit und breit kein Mann in Sicht.
Eine Röhre zuckt besessen um ihr bisschen Neonlicht.

Der Prospekt von heute Morgen, mit der Zeitung ausgeteilt,
heischt ein Leben ohne Sorgen dem, der nirgendwo verweilt.
Irgendjemand schnellt vorüber wie ein scharf geschoss’ner Pfeil
und sucht grade gegenüber am Wühltisch nach dem Seelenheil.

In der Stadt spricht grade heute wieder irgendjemand Recht,
denn im Amtsgerichtsgebäude wird Fiktion ganz plötzlich echt.
Und der Ruhm eines verdienten, stadtbekannten Nimmersatt
mehrt sich, weil für die Berühmten diese Welt ein Konto hat.

Die Gebete sind verklungen und die Ratte hat ihr Kind.
Tante Emma, notgedrungen, ist jetzt, wo schon alle sind.
Auch die Herde sieht man nimmer, sie hat jetzt ein Alpha-Tier.
Nur die Zäune steh’n noch immer, etwas höh’r sogar als früh’r.

Nimmersatt hat zwar gelogen und die Wahrheit ist wohlfeil.
Doch die Tauben sind verflogen, alles sauber, alles heil.
Niemand will es wirklich wissen und das Fernseh’n zeigt ein Bild
für all das, was wir vermissen. Sanfte Sehnsucht, ungestillt.

Und ein Bettler singt die Weise, die man gern vergessen hat:
Kleiner Mann hat karge Speise und der Abt ein gold’nes Bad.
Nur der Halm in seiner Ritze hegt noch seinen alten Stolz.
Er hat in sich so viel Hitze, dass der Schnee ringsum zu Wasser schmolz.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1986/2004/2014 ℗2017