Umständehalber

Eine Auflistung aller Skandale, die seit 2008, dem Jahr der ersten Bankenkrise, die Welt und auch speziell Deutschland erschüttert haben, wäre wahrscheinlich länger, als der Liedtext. Der größte Skandal aber ist, dass auch von staatlicher Seite alles, wirklich alles getan wird, um die Bedeutung der Verfehlungen herunter zu spielen oder gar zu vertuschen. Mit drei Stichworten kann das belegt werden: Snowden und der Abhörskandal, Panama-Papers und die Bundesdruckerei, Dieselgate und VW.

Und so kam ich auf die Idee, nach dem Muster von Kleinanzeigen (»Umständehalber abzugeben«) ein paar Sachen zu verramschen, die heute kein Mensch mehr braucht.

Liedtext

Umständehalber hab‘ ich Gewissen abzugeben,
es lässt sich doch viel leichter leben,
wenn man Moral ein wenig modelliert.
Umständehalber hab‘ ich Charakter zu verkaufen,
denn die Geschäfte heute laufen
erst ohne wie geschmiert.

Umständehalber habe ich Wahrheit feilzubieten,
denn Ehrlichkeit ist nur für Nieten.
Erfolg braucht etwas Mut zum Risiko.
Umständehalber kann ich noch Anstand offerieren.
Man muss sich härter bandagieren,
sonst fließt nichts ins Portfolio.

Es ist das Lied, das schon vor Hunderten von Jahren
in Hütten vor der Stadt gesungen ward:
Der kleine Mann soll sich die Butter sparen;
die Herren speisen derweil à la carte.

Umständehalber hab‘ ich auch Bildung überzählig.
Die braucht kein Mensch mehr, denn allmählich
zählt nur noch Kapitalmarkt-Effizienz.
Umständehalber hab‘ ich Erkenntnis zu versteigern –
denn so als Rufer unter Schweigern
gefährdet man die Existenz.

Wo ist das Land, in dem die Denker dachten
und Dichten nichts für Menschmaschinen war?
Ein Algorhitmus darf dein Versmaß schlachten.
Denken ist nicht von der Steuer absetzbar.

Umständehalber hab‘ ich zum Schluss noch anzumerken:
Man misst den Meister an den Werken.
Und irgendwann ist Inventur. (Drum hab‘ ich …)
umständehalber auch noch Gehorsam abzugeben,
denn dies, mein eig’nes bisschen Leben
ist meine eig’ne Miniatur,
trägt meine eig’ne Signatur,
ich spiele meine Partitur,
ich bin mein eigenes Futur.
Und darin bin und bleib‘ ich stur.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©℗2016