Zwischen Pfarrhausweg und Kirche

In einem Paarhundert-Seelen-Dorf auf der Schwäbischen Alb fand ich Mitte der 1980er-Jahre im Dorfzentrum ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Gut gepflegt, wie es einem Denkmal in der Mitte einer Ortschaft zukommt. Der KZ-Friedhof – auf der Schwäbischen Alb gab es ja reichlich Außenstellen – war dagegen ganz am Rand im Wald versteckt und dem Verfall nahe.

Im Jahr 2004, zwanzig Jahre nach seiner Entstehung, habe ich diesen verschollen geglaubten Text wiedergefunden, der etwas beschreibt, was mir an verschiedenen Orten Deutschlands aufgefallen ist und noch immer wieder auffällt: die Ungleichbehandlung von Kriegerdenkmalen und KZ-Gedenkstätten. Da hat sich inzwischen zwar einiges verbessert, andererseits hören wir aber auch wieder die Stimmen, die eine „180-Grad-Wende“ in der Erinnerungskultur fordern. Und deswegen ist dieser Text aus dem Jahre 1984 leider auch heute noch aktuell.
Ich stelle ihn hier in einer nur marginal überarbeiteten Fassung, aber in neuer Vertonung vor.

Liedtext

Zwischen Pfarrhausweg und Kirche, Nabel dieser kleinen Welt,
liegt aus Buschwerk eine Nische. Man hat Blumen hingestellt.
Hoher Sandstein zum Gedenken, Wehrmachtskreuz ganz obenauf
und der Helm, der doch nichts nützte, ist – im Lorbeer – vorne drauf.

„Unseren gefall’nen Helden“ steht in Stein gemeißelt da,
Namen, weiß auf schwarzem Marmor. Tot und glücklich? Gloria!
Sagt nichts Böses über Tote! Hier, in dieser kleinen Welt,
zwischen Pfarrhausweg und Kirche, weiß man, was das ist: ein Held.

Viele hundert Meter weiter aus dem Dorf raus, ganz am Rand,
weist ein Schild den Interessierten in verstecktes Niemandsland.
Namenlose Steine mahnen, teils schon müde umgeknickt.
Hier kann sich der Stolz nicht recken. Dieser Ort hier, der bedrückt.

Hier scheint keine Gloriole und der Putz fällt von der Wand.
Was man nicht begreifen mag, drängt man lieber an den Rand.
Sagt nichts Böses über Bürger! Sie bemühen sich honett.
Doch zwischen Pfarrhausweg und Kirche stirbt ein Held nie im KZ.

Text/Musik/Arr.: KT Brandstetter, ©1984/2017 ℗2017