Ich schau‘ der Zeit zu

Detail aus »Allegorien vom guten und schlechten Regieren« von Ambrogio Lorenzetti

Der Sommer 2018 war in Deutschland gekennzeichnet durch die Ereignisse in Chemnitz, wo sich an dem gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners rechtsextremistische Ausschreitungen entzündet haben, die in dieser Form in der Bundesrepublik bis dahin unbekannt waren. Es zeigte sich einmal mehr, wie zutreffend Bert Brechts Feststellung »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« noch immer ist. Von einer seit Jahren im Weiter-so-Modus vor sich hin dösenden Großen Koalition und von verschiedenen Landesregierungen nach Kräften ignoriert, konnte sich die neue Rechte re-formieren. Das alte deutsche Muster erwacht zu neuem Leben: Wir schauen nach links, dann sehen wir nicht, was rechts passiert. Letztlich gipfelte all das in dem mindestens merkwürdigen Verhalten des Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen, der auf massiven öffentlichen Druck hin von seinem Posten entbunden werden musste. Damit nicht genug, lobte man ihn auf Betreiben des Innenministers Horst Seehofer als Staatssekretär in das Innenministerium weg – verbunden mit einer Beförderung auf die höchste Besoldungsstufe. Das öffentliche Entsetzen darüber war so mächtig, dass eine zweite Entscheidungsrunde der Fraktionsspitzen einberufen wurde. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Liedes ist noch nicht klar, wie das Ergebnis aussehen wird. (Siehe dazu auch mein offener Brief an die SPD.)

Ich, der ich nun 64 Jahre alt bin, habe die Geschichten aus Hitler-Deutschland, die mir meine Großmutter und meine Eltern erzählt haben, noch sehr lebendig im Ohr. Ich kann nicht fassen, dass es nur ein einziges Menschenleben brauchte, die Anfänge dessen, was Geschichte schien, erneut erleben zu müssen.

Ich widme diese Liedveröffentlichung Hans Scholl, der unweit von meinem Wohnort heute vor hundert Jahren geboren wurde.

Liedtext

Ich schau‘ der Zeit zu beim Vergeh’n.
seh‘ wie Ereignisse sich dreh’n,
wie’n Kettenkarussell im Kreis.
Wir lecken dazu Himbeereis.
Auf Popcorn gibt es heut‘ Rabatt,
spendiert hat ihn der Kandidat.
Er möchte, dass wir wählen geh’n
und schenkt uns Luftballons. Wie schön!

Wir woll’n so gerne alles glauben –
Puttenengel, Gartenlauben,
Schreber, Meißner Porzellan
und blau blüht uns der Enzian.
Wir sind ja eigentlich recht niedlich,
wie gottergeb’ne Schafe friedlich.
Hauptsächlich geht’s uns nur ums Grillen,
ums Denken allenfalls im Stillen.

Nun sind sie wieder da, die Horden,
sie schlagen, treten und sie morden.
Sie kommen, um hier „auzumisten“,
man sagt, sie führen schwarze Listen.
Sie heben ihre rechte Hand
für Führer, Volk und Vaterland.
Doch damit hab’n wir nichts zu tun,
denn wir sind schlicht geschichtsimmun.

Der eine glaubt an’n lieben Gott,
der andre schraubt schon am Schafott,
der dritte will den Scheiterhaufen,
der vierte nur bei Deutschen kaufen.
Der Fünfte macht sich frisch ans Werk
poliert im Garten seinen Zwerg.
Er kann dir viel von ihm erzählen. –
Am Sonntag geht er Rechte wählen.

Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links.
Wir sind das Lächeln dieser Sphinx,
die wir pauschal auch mal bereisen,
um Weltgewandtheit zu beweisen.
Wir wollen ja auch bloß mal meinen,
denn einen Standpunkt hab’n wir keinen.
Wir folgen nur der alten Fährte:
Die Deutschen sind das Salz der Erde.

Wir woll’n so gerne alles glauben –
Puttenengel, Gartenlauben,
Rübezahl und Kuckucksuhr,
Treue, Nibelungenschwur.
Wissen wollen wir nur wenig,
denn dafür hab’n wir einen König.
Wir folgen, Führer, brav und stumm.
Wer dumm sein will, der bleibt auch dumm.

Ich schau‘ der Zeit zu beim Vergehen.
seh‘ wie Ereignisse sich drehen,
wie sich die Dinge wiederholen
fast wortgleich auch in den Parolen,
wie die Minister und die Spitzen
in Ämtern rechte Schläger schützen.
Pandoras Büchse ist schon offen.
Ich kann nur schreiben, singen, hoffen.

Ich werde weiter daran glauben,
dass in den alten Gartenlauben,
in Stadt und Land sich etwas regt,
das etwas Gutes in sich trägt:
Ein Wissen um all das, was war,
für all die Toten ein Altar.
Ein Chor aus Abertausend Kehlen
soll uns von Menschlichkeit erzählen.

—–

Coverbild: Detail aus »Allegorien vom guten und schlechten Regieren«, einem Zyklus von vier Fresken von Ambrogio Lorenzetti (* um 1290 in Siena; † um 1348 ebd.) im Auftrag der Nove, der neun regierenden Beamten der Republik Siena. Für Lorenzetti ist die republikanische Selbstverwaltung die beste und die Tyrannei die schlechteste aller Herrschaftsformen. Mehr dazu u.a. auf Wikipedia.